Tagebuch 25.-31. Oktober

Aus Réunion 2004-2005

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Inhaltsverzeichnis

25. Oktober

Neue Wohnung

Barbara ist heute auch ganz gut ohne Auto ausgekommen. Als Betreuer hat der Conseiller Pédagogique sie und Marie-Lourdes zu den Schulen gefahren und sie dort vorgestellt. Die Schulen liegen so weit auseinander, dass sie das Auto wirklich gut brauchen kann. Vorher hat er noch als Autoritätsperson Barbaras Wohnungswunsch im Lycée Roland Garros Nachdruck verliehen. Mit Erfolg: Ab nächstem Wochenende werden wir auch im Lycée Roland Garros wohnen, ein Stockwerk höher als Barbara vor zwei Jahren gewohnt hat. Unser Auto ist morgen fertig, und wir werden es am Mittwoch vormittag holen.

Heute ist es Christian gelungen, auch von zu Hause aus online zu gehen (wir wohnen hinter einer Faxweiche und können 0800er-Nummern verwenden), aber es klappt nicht immer und ist wahrscheinlich fast genauso teuer wie im Internet-Café.

26. Oktober

Erster Schultag

Heute vormittag hat Barbara in 14ème eine 3. Klasse (18 Schüler) unterrichtet, die bisher noch kein Deutsch hatten. Ihre zweite Stunde in 14ème entfällt noch bis Ende November.

Die beiden Gruppen in Petit Tampon am nachmittag waren jeweils etwa 10 Leute, aber 3. und 4. Klasse gemischt - das bedeutet, ein Teil der Gruppe hat Vorkenntnisse, ein anderer nicht. Dort sprechen die Schüler nicht nur untereinander, sondern auch zur Lehrerin Kreol.


27. Oktober

Wir haben ein Auto

...aber es war nicht ganz einfach. Als wir den Corsa am Donnerstag Probe gefahren sind, hieß es noch, wir könnten das Auto innerhalb eines Tages haben - lediglich eine Kleinigkeit am Kat müsste noch repariert werden. Bei der verbindlichen Bestellung am selben Nachmittag war dann die Werkstatt so ausgebucht, dass uns der Autohändler nur noch frühestens Montag zusagen konnte. Daraus wurde dann nach mehreren Telefonaten erst Dienstag und schließlich Mittwoch nachmittag.

Also verlangte Barbara einen entsprechenden Nachlass, um uns einen Mietwagen nehmen zu können. Schließlich müssen wir für die neue Wohnung einiges Grundlegende wie Putzsachen und Möbel kaufen, aber auch die Anmeldung und Versicherung des Autos organisieren - und Barbara hat eben nur heute den ganzen Tag frei. Der Verkäufer bot uns zunächst ein Ersatzfahrzeug an. Nach Rücksprache mit der Werkstatt sagte er dann gestern nachmittag, dass wir den Corsa doch schon um 10 Uhr früh bekommen - und zwar nach Hause, was uns weit über eine Stunde Fußweg erspart.

Unser Auto
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Unser Auto

Das Auto wurde uns dann tatsächlich vorbei gebracht. Allerdings nicht um zehn Uhr. Zuerst wurden wir auf halb elf vertröstet, dann auf halb zwölf, schließlich auf halb drei. Natürlich saßen wir den ganzen Tag auf Kohlen und konnten nicht weg, dabei hätten wir die Zeit gut brauchen können, zum Beispiel zur Grundreinigung unserer neuen Wohnung. Um halb vier kam der Bote unseres Gebrauchtwarenhändlers dann tatsächlich vorbei. Wenigstens gab er uns den Tipp, dass wir das Auto auch telefonisch versichern konnten - und zu diesem Zweck auch noch sein Handy. Dadurch mussten wir dann nicht noch extra zum Sammeltaxi laufen und damit nach St. Pierre fahren, sondern konnten gleich unser Auto nehmen.

Am Abend haben wir in St. Pierre uns dann gleich ein Bett bestellt, einen Schreibtischstuhl gekauft und uns im Supermarkt mit einer Grundausstattung für die neue Wohnung eingedeckt.


28. Oktober

Kopierproblem

Heute früh haben wir einen kurzen Einkaufsbummel durch die Billigläden der Stadt gemacht und uns mit einigen wichtigen Haushaltsartikeln eingedeckt. Jetzt haben wir schon mal einen Kleiderständer, der heute nachmittag gleich zum Wäsche Aufhängen benutzt wurde. In unserer jetzigen Wohnung haben wir eine Waschmaschine, in der neuen werden wir die von Yvonne und Indy mit benutzen.

In der Schule in Bras Creux gab es heute schon das erste Problem des Lehreralltags: Barbara muss sich die Kopierkarten von den eigentlichen Lehrern der Klassen für ihre Kopien ausleihen, was schon alleine dadurch kompliziert wird, dass es ja zusammengewürfelte Gruppen sind.

Dummerweise haben aber auch die Lehrer gerade mal ein Kontingent von einer Kopie pro Schüler und Tag, also gar keine Kopien mehr übrig. Bücher existieren aber auch keine. Außerdem soll im Unterricht auch nict viel geschrieben werden. Der Direktor konnte ihr aber auch nicht weiterhelfen. Mal sehen, ob der Conseiller Pédagogique etwas bewegen kann.

29. Oktober

Schwarzer Staub

Heute war es soweit: Unser Bett sollte kommen, natürlich gleich in die neue Wohnung. Da Barbara ja vor- und nachmittags Schule hatte, hat Christian die Stellung gehalten und sich die Zeit mit Boden Wischen vertrieben. Zu den Wohnungen hier im Lycée gibt es im Normalfall gewisse Grundausstattung: Ein Bett mit Matratze, einen Tisch und einige Stühle, einen Herd und einen Kühlschrank, auf Nachfrage auch etwas Geschirr und Putzutensilien.

Wir haben uns allerdings trotzdem ein Bett bestellt, weil eine schmale durchgelegene Matraze auf einem durchhängenden Bettgestell uns auf Dauer zu wenig war. Während also Christian wischend auf unser gekauftes Bett wartete, brachte der Hausmeister eine Matraze für das vorhandene Bett vorbei, eine neue Gasflasche für den Herd und einige Putzutensilien.

Die neue Wohnung hat in zwei Richtungen Balkone, es gibt eine Balkontür von unserem Schlafzimmmer aus und zwei vom Wohnzimmer. Allerdings haben es die Maler zu gut gemeint, und die Türen so gestrichen, das zwei dieser drei Türen nicht aufgehen und die dritte nur, weil sie nicht richtig zu war. Dafür wollte der Hausmeister Handwerker noch am Freitag Handwerker schicken, die aber nicht bis zu uns gekommen sind. Also müssen wir wohl das verlängerte Wochenenden ohne Türen auskommen.

Was noch etwas ärgerlicher ist: Wir haben keinen Kühlschrank, und wir bekommen auch keinen, obwohl er bei allen anderen Wohnungen dabei ist. Die Schule hat kein Budget dafür zur Verfügung. Wenn wir uns selber einen kaufen, wird sie ihn uns auch beim Auszug nicht abkaufen können. Fürs Erste müssen wir also fremdkühlen, bei Marie-Lourdes oder Indie und Yvonne.

Unser eigenes Bett
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Unser eigenes Bett

Kurz vor halb zwei kam dann das gekaufte Bett. Der Möbelfahrer war großer Fußballfan und kannte daher auch viele deutsche Städtenamen, wie z.B. München, Stuttgart, Dortmund oder Bremen.

Nachdem Barbara Schule aus hatte, haben wir noch Anne besucht, eine deutsche Deutschlehrerin, die hier auf Réunion verheiratet ist und die Barbara noch von ihrem ersten Aufenthalt kennt. Yvonne war gerade auch dort, denn sie arbeitet an der selben Schule wie Anne und hilft Anne gelegentlich mit deren Kindern Antoine und Natasha.

30. Oktober

Großkauftag

Der Tag fing heute sehr früh mit Einpacken an. (Der abrupte Wechsel zwischen Tag und Nacht ohne nennenswerte Dämmerung in den Tropen führt das subjektive Zeitgefühl irre - es ist oft zwei Stunden früher als angenommen, weil es eben schon sehr früh sehr hell und sehr früh auch wieder völlig dunkel ist). So hatten wir unser Hab und Gut schon früh in unserer neuen Wohnung und verbrachten den restlichen Vormittag mit einem ausgedehnten zweiten Frühstück bei Yvonne. In ihrer Wohnung gab es noch eine Menge unbenutztes Geschirr (ihre Mitbewohnerin Indie hat ihre eigene Ausrüstung mitgebracht, dass sie uns vermachen konnte.

Gegen Mittag starteten wir dann unsere Einkaufstour, um einen Grundstock an Nahrungsmitteln (Milch, Saft, Zucker, Nudeln, Tomaten, Salz, Oregano, Bier...) und weiteren Haushaltsartikeln (Schrubber, Pümpel, Abflussfrei, Topf, Kerzen, Kaffeefilterhalter...) einzukaufen. Erste Station war der Billigdiscounter Leader Price - aus dem Pleonasmus zu schließen, das es besonders billig ist, wäre allerdings falsch. Hier ist fast alles teurer.

Weiter ging es zum neu eröffneten Géant in St. Pierre, einem Vollsortimenter. An der Kasse halfen Schüler beim Einpacken, die das Trinkgeld für eine Schulfahrt nach England sammeln. Der an unserer Kasse hat aber auch schon Deutsch gelernt und uns gleich angesprochen. Normalweise werden die Einkäufe selbst in viele kleine Plastiktüten gepackt, die dann zu Hause als Mülltüten weiter verwendet werden. In einigen Gegenden Frankreichs wird das inzwischen des Umweltschutzes wegen nicht mehr so gemacht.

Unser Metallregal
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Unser Metallregal

Die zu kühlenden Nahrungsmittel brachten wir zunächst in die alte Wohnung - der neuen fehlt ja der Kühlschrank. Letzte Station unserer Einkaufstour war dann der Baumarkt, wo wir zwei völlig überteuerte Metallregale und einen Riegel für unseren Kleiderschrank erstanden.

Allen drei Geschäften gemeinsam war, dass wir an der Kasse ob des Endbetrages jeweils kräftig schlucken mussten.

Den Abend verbrachten wir dann mit der weiteren Reinigung unserer Wohnung. Unter anderem kippten wir nach und nach eine komplette Flasche Abflussfrei in den zunächst völlig verstopften Abfluss der Dusche, so dass jetzt gerade soviel Wasser abfließen kann, wie aus dem Duschkopf kommt.

31. Oktober

Granmer Kal

Unsere erste Tat heute war die Endreinigung unserer alten Wohnung. Nochmal die Oberflächen in der Küche gereinigt, das Bad geputzt und einmal feucht durchgewischt - dann ließen wir unser erstes Réunioner Domizil hinter uns. Unsere Vermieter hatten an diesem Tag eine große Feier und nahmen nur Schlüssel und Telefonnummer von uns entgegen, ohne die Wohnung auch nur kontrolliert zu haben.

Das war gleich von Anfang an dort wohnen konnten, hat uns viel geholfen, aber jetzt waren wir froh, dass wir diese Ferienwohnung verlassen konnten: Sie war teuer und zu klein für zwei Personen. Dadurch, dass alles möbliert und eingerichtet war, konnten wir uns auch nicht zu Hause fühlen.

Jetzt haben wir eine eigene, und nebenbei unsere erste gemeinsame, Wohnung. Dort gab es den restlichen Tag auch noch einiges zu tun: Wir räumten unser Schlafzimmer um und die Koffer vom Umzug aus. Wir bauten das zweite Metallregal auf und einen Bürostuhl, den wir bereits bei der Bettbestellung erstanden hatten. Die Einkäufe der letzten Tage wurden verräumt, und langsam sieht es schon recht wohnlich hier aus.

Granmer Kal auf einem Bieretikett
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Granmer Kal auf einem Bieretikett

Als wir abends kochen wollte, bemerkten wir, dass wir den Gasherd nicht anzünden konnten. In der alten Wohnung hatte der Herd eigene Anzünder, hier nicht. Und vor allem wegen des Fluges hatten wir auch keine Feuerzeuge oder Streichhölzer. Also luden wir Maria-Lourdes zum Aperitif ein (essen wollte sie nicht) und baten sie, ein Feuerzeug mitzubringen.

Ach ja, noch etwas zur Überschrift des heutigen Tages: Wegen der schleichenden Vereinheitlichung der westlichen Kultur wird natürlich auch auf Réunion Halloween gefeiert. Allerdings wird hier versucht, das mit örtlichen Traditionen zu verbinden. Und deswegen bekommen die Grundschüler in der Woche vor Halloween Besuch von der Hexe Granmer (=Grandmère) Kal. In den Medienberichten zeigt sich dann auch der Effekt der kreolischen Rechtschreibregel Nr. 1: Schreibe, wie Du sprichst. Schon alleine die Grandmer taucht in einer Menge unterschiedlicher Varianten auf.


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