Tagebuch 8.-14. November
Aus Réunion 2004-2005
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Inhaltsverzeichnis |
8. November
Balkongespräch
Heute Abend rief mal wieder Maria-Lourdes zum gemütlichen Gespräch an der Balkontrennwand. So gemütlich wurde es dann allerdings nicht. Sie sagte, dass sie gar nicht in der Schule in 14ème unterrichten möchte. Dabei wurde ihr diese Schule extra nachträglich zugewiesen, damit sie leichter an die Schulen kommt, denn dann kann sie mit Barbara fahren.
Ansonsten möchte sie aber immer an die Schulen, die für sie am günstigsten zu erreichen sind. Und wenn sie nach St. Pierre zieht, dann muss eben der Unterricht darauf abgestimmt werden und ihr eine Mitfahrgelegenheit organisiert werden. Barbara weist darauf hin, dass ihre Forderungen nicht nur sie betreffen, sondern auch andere Lehrer und dass sie nicht erwarten kann, dass alles nur nach ihrem Kopf geht. Maria-Lourdes überrascht es sehr, dass Barbara so denkt und sieht nicht ein, von ihren Forderungen Abstand zu nehmen.
Abends waren wir noch kurz zu Besuch in einer angelsächsischen Zweier-WG im benachbarten Trois Mares. Alison ist Schottin und gibt an der Uni Englisch-Kurse. Lynn aus Georgia ist Englisch-Assistentin und hat in ihrem Zimmer Fotos von John Kerry. Ausnahmsweise wurde mal Englisch gesprochen, und wir haben einen sehr lustigen Abend verbracht.
9. November
Lebensphilosphien
Die gemeinsame Fahrt zur Schule zum 14ème war nochmal Anlass zu einem richtigen Streit zwischen Barbara und Maria-Lourdes. Barbara machte ihr klar, dass ihr ständiges Selbstmitleid sehr vielen Leuten sehr auf die Nerven geht. Daraufhin war Maria-Lourdes so eingeschnappt, dass sie nicht mehr mitfahren will, aufgrund ihrer "unterschiedlichen Lebensphilosophien".
Heute Mittag war der Klempner kurz hier und hat sich unsere immer noch verschlossenen Türen angeschaut. Nach einigen Versuchen mit Schraubenzieher und Hammer gab er allerdings auf und verprach, wen anderes zu schicken, der für zugemalte Türen kompetenter ist.
10. November
Ein Kühlschrank, eine Spritze und viele Ägypter
Mittwoch - Mal wieder ein freier Tag für Barbara, mal wieder viel zu tun: Am späten Vormittag waren wir mit Indie und Yvonne in zwei Supermärkten und in einem Gartengeschäft. Die Weihnachtsabteilung ist dort besonders kitschig, mit künstlichen Schneeflocken und Weihnachtsbäumen. Wir haben aber nur einen Blumentopf gekauft. Mal sehen - vielleicht kommt da ja mal eine Ananas rein.
Die Jagd nach dem Kühlschrank
Am Nachmittag war es dann so weit: Wir sollten unseren Kühlschrank in Entre-Deux, knapp 10 Kilometer von hier, abholen. Laut Beschreibung ist er normal groß, das bedeutet hierzulande eine 1,50 Meter hohe Gefrierkombination. Definitiv zu groß für unseren Corsa, deswegen haben wir Anne gebeten, uns zu helfen und ihren Berlingo zu Verfügung zu stellen. Also fuhren wir zuerst zu ihr. Leider stellten wir dort fest, dass wir die Telefonnummer von der Frau vergessen hatten, bei der wir ihn abholen sollten, wir hatten aber weder ihren vollen Namen noch ihre Adresse.
Also sind Anne mit der neunmonatigen Natasha und Christian schon mal mit dem Berlingo losgefahren, während Barbara mit Yvonne und Antoine, dem dreijährigen Sohn von Anne, erstmal die Viertelstunde zurück zu unserer Wohnung gefahren ist. In Entre-Deux fanden Anne und Christian schon mal nicht den vereinbarten Treffpunkt. Die anderen drei hatten aber die Telefonnummer wiedergefunden und übermittelt und so konnte der Kontakt zur Kühlschrankverkäuferin wieder hergestellt werden. Innerhalb von zehn Minuten waren Anne, Natasha und Christian dann auch in dem Haus, wo der Kühlschrank abgeholt werden sollte. Die Küche war voller zu kühlender und gefrorener Nahrungsmittel, die eben gerade aus dem Kühlschrank genommen worden waren. Zu einer Reinigung war keine Zeit mehr gewesen. Anne hatte nicht viel Zeit, und der halbwüchsige Sohn der kühlschrankverkaufenden Familie und Christian luden den Kühlschrank in den Berlingo. Ausreichend Geld hatte Christian allerdings nicht dabei, und Anne stellte einen Scheck aus. Über kurvige Passstraßen ging es wieder zurück nach Le Tampon. In der Zwischenzeit waren auch Barbara, Yvonne und Antoine irgendwo in Entre-Deux angekommen, aber ihre Hilfe wurde ja nun nicht mehr benötigt, und sie fuhren auch wieder zurück nach Le Tampon. Wenigstens sind wir alle dabei das erste Mal über die neue EU-gesponsorte Brücke zwischen Le Tampon und Entre-Deux gefahren.
Réunion... New York
Als der Kühlschrank ausgeladen und in der Wohnung abgestellt war, war es Zeit für das Abendprogramm in St.-Pierre zusammen mit Yvonne und Indie. Erste Station war der Garten von Sybrandos und dessen Freundin Rachida, die Christian eine Hepatitis-Impfung verpasste. Dann ging es zum Aperitif bei Manuelle. Kurz nach acht fuhren wir dann zum Bato Fou, dem Kulturzentrum. Dort ist zur Zeit ein mediterranes Filmfestival. Wir schauten den Film Alexandrie... New York an.
Darin geht es um Spannungen zwischen Arabern, Amerikanern und Juden - nicht als Konflikte der Weltpolitik, sondern zwischen Freunden und innerhalb der Familie, zwischen eigentlich weltoffenen und toleranten Leuten. Die Handlung: Ein junger Ägypter geht in die USA auf die Schauspielschule. Nach einem Vierteljahrhundert trifft er seine Freundin aus dieser Zeit erneut und zeugt mit ihr einen Sohn, der erfolgreicher Tänzer wird. Als Vater und Sohn lernen sich die beiden aber erst nach weiteren 25 Jahren kennen - und haben Probleme, sich gegenseitig zu akzeptieren. Der Sohn fühlt sich als Jude und will keinen Araber zum Vater haben, der Vater sieht in ihm die personifizierte Arroganz der USA, die stets Israel bei seinen Aktionen gegen Palästina unterstützen. Anfangs leicht verwirrend: So wie in deutschen Filmen alle deutsch reden, sprechen in diesem Film alle arabisch, egal ob jüdische Freunde des Protagonisten oder die Sekretärin der Filmhochschule.
Eine Filmkritik aus der Schweiz
11. November
Ab in den Süden
Heute ist schulfrei, weil Feiertag in Frankreich. Nicht wegen St. Martin oder dem Karnevalsbeginn, sondern zum Gedenken an den Waffenstillstand 1918. Wir haben den Tag für einen Ausflug mit Yvonne und Manuelle genutzt. Ziel war die südliche Küste. Auf der Straße die Küste entlang hatten wir zwischen St.-Pierre und St.-Joseph einen tollen Blick auf das Dorf Manapany, was auf Malagasy "voller Fledermäuse" heißt.
Unser erstes Ziel war der Wasserfall "Cascade de la Grande Ravine", den wir über die Stichstraße von Langevin aus erreichten.
Die Straße verläuft die ganze Zeit neben dem Fluß, überall sitzen Réunioner an den Ufer und picknicken. Unterwegs waren wir an einem kleineren Wasserfall am Trou Noir. Entlang der Straße gibt es viel Litschibäume, Bananenplantagen und Ananasfelder. An einer Stelle ist die Straße eng, steil und kurvig, und es muss im ersten Gang gefahren und vor jeder Kurve gehupt werden.Unsere Mittagsrast machten wir auf dem Rückweg zur Küste an einem kleinen Restaurant mit Straßenverkauf. Am frühen Nachmittag bewanderten wir dann einen botanische Lehrpfad bei le Baril. Der Pfad liegt in einem Wald, am Boden ist an vielen Stellen noch erkennbar, dass das Gestein aus erkalteter Lava besteht. Wir begegneten einigen Vögeln, nur sehr kleinen Spinnen und ein paar Kröten.
Den späteren Nachmittag verbrachten wir dann am Meer. Zuerst haben wir der Brandung bei den Puits des Anglais zugesehen, dann waren wir am "Etretat Réunions" (O-Ton Barbara), dem Cap Mechant mit Felsentor bei den Puits des Français. Das Gras dort erinnert etwas an Kunstrasen, allerdings ist der Untergrund für Ballspiele etwas zu uneben.
Die Rückreise gestaltete sich langwieriger als vorgesehen: Wir standen die meiste Zeit im Stau. Den gibt es natürlich auch Sonn- und Feiertags, den es die Leute müssen von ihrem Picknick am Meer oder Fluss (immer auf der grünen Wiese, nicht auf dem Sandstrand) wieder nach Hause fahren.
12. November
Frischluft!
Unser Verlangen nach Frischluft und Licht im trauten Heim wurde endlich befriedigt. Heute kam ein Handwerker vorbei, der sich kompetent fühlte, unsere verklemmten Balkontüren mit einem Hammer zu bearbeiten. Jetzt lassen sich alle drei Türen - zwei zum Ost- und eine zum Westbalkon - problemlos öffnen und schließen.
Damit hatten wir das erste Mal Zugang zu unserem zweiten Balkon und haben ihn gleich zum Wäsche Aufhängen benutzt (waschen können wir ja eine Etage tiefer bei Yvonne und Indie). Allerdings haben wir auch zwei Untermieter entdeckt: Ein Wespenpaar war gerade dabei, ein Nest anzulegen. Von diesen Wespen fliegen gelegentlich einige auf den Balkonen umher, sie sind von der Größe her eher Hornissen ähnlich und haben auffällig lange Hinterbeine, wirken aber nicht sonderlich aggressiv.
Maria-Lourdes ist heute mit Barbara in die Schule gefahren und hat die Gelegenheit genutzt, sich für ihr Verhalten Anfang der Woche zu entschuldigen.
Am Abend waren wir noch in St. Pierre und haben mit Manuelle und Yvonne noch den letzten Wagen des hinduistischen Dipavali-Umzuges gesehen (bei leichtem Nieselregen). Dann waren wir im kurz im Café de la Gare. Auf dem Rückweg zu unserem Auto, das bei Manuelles Wohnung parkte, konnten wir dann noch das Dipavali-Feuerwerk bewundern.
13. November
Bei uns ist es jetzt auch kalt!
Unsere erste Tat vormittags war es, den Kühlschrank fertig zu reinigen. Da er sehr stark verschmutzt war, nahm das einige Zeit in Anspruch. Jetzt konnten wir die Kiste endlich anschalten. Den Großeinkauf von gestern hatten wir noch in den Kühlschrank von Indie und Yvonne mit hineingezwängt und konnten ihn jetzt holen. Und nachdem wir schon einen Kühlschrank hatten, konnte Christian auch gleich den zu kühlenden Impfstoff für seine Hepatitis-A-Impfung holen (am Mittwoch hatte er ja schon die Hepatitis-B-Spritze bekommen).
Den restlichen Tag haben wir uns etwas von der anstrengenden Woche erholt. Kurz vor Geschäftsschluss fuhr Christian nochmal nach St. Pierre und kaufte eine Netzwerkkarte für den Laptop - nachdem die zu Hause ersteigerte auf Barbaras Laptop nicht funktioren wollte. Jetzt können wir unsere Internetverbindung gleichzeitig mit beiden Computern nutzen, ohne zwischendurch das Modemkabel umständlich umstecken zu müssen.
Heute abend waren Yvonne und Barbara im Kino in Le Tampon. Hier gibt es Filme immer im Doppelpack nacheinander für nur 5,50 Euro. Der erste Filme war Arsène Lupin. Der Meisterdieb und Gentleman, vor allem in Frankreich bekannt aus zahlreichen Büchern, Fernsehserien und Filmen, konnte die beiden aber nicht vom Kinosessel reißen. Der zweite Film war Une affaire de cœur und läuft in Deutschland unter dem Originaltitel Laws of Attraction. Zwei Scheidungsanwälte (Julianne Moore, Pierce Brosnan) müssen in einem Prominentenverfahren ein Schloss in Irland begutachten und kehren verheiratet von dieser Dienstreise zurück. In Irland kam der Film nicht so gut an, weil sehr plump mit Stereotypen gespielt wird: Es existieren nur alte Autos und der Lebensinhalt der Iren ist hauptsächlich extensiver Alkoholkonsum.
14. November
Picknick am Strand
Zur Zeit sind am Austauschschüler aus Rosenheim am Lycée Boisjoly Poitiers, wo Anne Lehrerin ist und Yvonne Assistentin. Deren heutiger Programmpunkt war ein Familienpicknick am Strand in Saint Leu. Da sind wir mit Yvonne und Manuelle hingefahren und haben davon profitiert, dass wir bei den Lehrern saßen: So mussten wir schon aus Höflichkeit von allen Kuchen probieren, die in den Familien gebacken worden waren. So gab es Kuchen mit Bananen oder Maniok im Teig oder auch mit Bananenscheiben und Kokosstreuseln belegt. Yvonne hatte Obstsalat mitgebracht und Anne typisch Réunionesischen Salat: Kohl, Ananas und Vinaigrette.
Auf dem Weg zum Strand haben wir unterwegs noch schnell im Supermarkt Taucherbrille und Schnorchel gekauft. So hat Christian das erste Mal in seinem Leben geschnorchelt. Leider waren Strömung und Wellengang für eine Lagune dort recht stark. Aber es ist schon beruhigend, den Boden unter den Füßen sehen zu können, um beispielsweise nicht auf Seeigel zu treten. Einige Fische waren ganz nett anzusehen, aber L'Hermitage erschien bei unserer Tour nach St. Denis schöner zum schnorcheln.
Der spätere Nachmittag und der frühe Abend war wieder dem mediterranen Filmfestival gewidmet. Heute schauten wir gleich zwei Filme nacheinander an. Um 16 Uhr Les yeux secs und um 18:30 Uhr Un cœur ailleurs. Les yeux secs spielt in Marroko und handelt von einem Berber-Dorf, in dem nur Prostituierte wohnen. Sie suchen einen Ausweg, damit ihr Schicksal nicht immer an die nächste Generation weitergegeben wird. Die Schauspieler bringen die Charaktere sehr überzeugend herüber, und die Landschaftsaufnahmen aus dem mittleren Atlas-Gebirge sind sehr beeindruckend. Unbedingt sehenswert, aber sicher keine leichte Kost. Allerdings wurde der Film sogar im marokkanischen Parlament diskutiert: Offenbar hatte die Filmemacherin nicht alle Beteiligten über das Sujet des Films in Kenntnis gesetzt.
Un cœur ailleurs (ital. Originaltitel Il cuore altrove) war dazu ein ziemlicher Kontrast: Diese Komödie spielt in den 20er Jahren in Italien. Ein schüchterner Junglehrer verliebt sich in eine attraktive Blinde, die ihn nur ausnützt, um die Liebe eines anderen zurückzugewinnen.
